Wesen, Charakter und Eigenschaften des Border Collies

Um kaum eine Hunderasse ranken sich so viele Mythen. Während viele Menschen den Border Collie ausschließlich als Arbeitshund zum Hüten von Schafen betrachten, empfehlen andere ihn als schnell lernenden Sport- und Familienhund. Um die Rasse richtig einzuschätzen, sollte man sich einige Wesenszüge des Border Collies näher anschauen. Wie lebt es sich mit einem intelligenten Hund? Welche Probleme kann Hüteverhalten im Alltage machen? Und hat der Border Collie Jagdtrieb? Hier finden Hundebesitzer und Welpen-Interessenten eine Übersicht über das Wesen und typische Charaktermerkmale des Border Collies.

Der Rassestandard des Border Collies

Schaut man sich den offiziellen Rassestandard des Border Collies an, werden hier bereits einige sehr wichtige Wesenszüge eines typischen Border Collies genannt.

Der Club für Britische Hütehunde e.V. beschreibt die Persönlichkeit des Border Collies kurz und bündig folgendermaßen:1

“Zu harter und ausdauernder Arbeit fähiger Hund von guter Führigkeit; aufgeweckt, aufmerksam, empfänglich, intelligent, weder nervös noch aggressiv.”

Der VDH (Verein für das Deutsche Hundewesen) als übergeordneter Zuchtverband sagt zum Wesen des Border Collies:2

“Er ist ein Hütehund durch und durch. Border Collies sind aufgeweckt, aufmerksam und zu harter, ausdauernder Arbeit bereit. Sie lieben es, gemeinsam mit ihrem Menschen in Aktion zu sein. Es mangelt ihnen aber auch keineswegs an Selbstständigkeit. Sehr viel Bewegung und tägliche Auslastung von Kopf und Körper fördern ihre Zufriedenheit und Ausgeglichenheit.”

Wer bisher jedoch eher wenig mit Hütehunden zu tun hatte, geschweige denn mit solchen Spezialisten wie dem Border Collie, der kann oft nur schwer einschätzen, was solche Beschreibungen im Alltag und täglichen Zusammenleben mit einem Hund bedeuten. Darum werden die genannten Eigenschaften im Folgenden genauer erläutert.

Zuchtverbände und Zuchtlinien des Border Collies

Übergeordneter Zuchtverband für den Border Collie ist in Deutschland der VDH. Hier wurde die Rasse Ende der 1970er-Jahre anerkannt. Dazu gehört auch eine Rassebeschreibung, in der sowohl Aussehen als auch Wesen des Border Collies exakt festgehalten ist. Dem VDH gehört der Club für Britische Hütehunde e.V. an. Dieser hat für den Border Collie die Führung der Zuchtbücher übernommen und ist dadurch die richtige Anlaufstelle für alle, die in Deutschland nach einem Border-Collie-Züchter suchen.

Allerdings arbeiten Züchtervereinigungen im Ursprungsland des Border Collies, in Großbritannien, etwas anders. Die ISDS (International Sheep Dog Society) hat bis heute keinen Rassestandard verfasst, da es alleine um Hüte- und Arbeitsleistung gehen soll. Ein einheitliches Aussehen ist für diese Zwecke deshalb zweitrangig.

Die Zuchtlinien

Der Border Collie gehört zu den besonders vielfältigen Rassen, sowohl optisch als auch im Wesen. Der Hauptgrund für diese Unterschiede sind verschiedene Zuchtlinien und unterschiedliche Zuchtziele.

Showlinie

Showlinien werden nicht auf Hüteeigenschaften hin selektiert. “Showhunde” sollen äußerlich dem Rassestandard entsprechen und sich idealerweise aber dennoch das rassetypische arbeitswillige, aktive und intelligente Wesen des Border Collies erhalten. Je nach Zuchtziel kann es hier aber Linien mit sehr unterschiedlichen Hundetypen geben. Hunde aus Showlinien eignen sich oft eher als Familienhunde als Hunde aus Arbeitslinien. Reine Familienhunde ohne “Job” möchten sie aber auch nicht sein – sonst kann es schnell zu Problemverhalten kommen (siehe unten).

Arbeitslinie

In einer Arbeitslinie werden die Hunde in erster Linie nach ihrem Talent als Arbeits- und Koppelgebrauchshund ausgewählt. Dabei ist das Aussehen unwichtig. Maßgeblich sind aber ein funktioneller, sportlicher Körperbau (“form follows function”), eine ausgeprägte Veranlagung für Hüteverhalten und eine gute Trainierbarkeit. Hunde aus Arbeitslinien werden in aller Regel nicht an Anfänger vergeben, sondern an Schäfer oder Menschen, die Erfahrung in Sheep Dog Trials oder beim Hüten haben.

Gibt es “Sportlinien”?

Manche Linien werden als Sportlinien bezeichnet. Meist sind das Showlinien, bei denen das Zuchtziel nicht das Aussehen, sondern eine gute Brauchbarkeit im Hundesport ist. Meist werden hier die Elterntiere vom Züchter selbst im Hundesport geführt. So können Käufer eines Welpen erwarten, dass sich auch die Welpen für diesen speziellen Sport (oft Agility) eignen.

Es kommt nicht nur auf die Linie an

Linien können sich aber auch vermischen. Es gibt Arbeitslinien, die bei Hundeshows sehr gut abschneiden und umgekehrt. Insgesamt ist die Vielfalt sehr groß. Darum gilt: Bei jedem Border sollte man in erster Linie darauf achten, dass die Elterntiere in ihrem Wesen dem entsprechen, was man sich von seinem Border Collie wünscht. Wichtige Kriterien können dabei beispielsweise sein, dass die Elterntiere gelassene Hunde sind, die nicht zu Nervosität und zum Überdrehen neigen.

Die intelligenteste aller Hunderassen

Dem Border Collie wird oft eine hohe Intelligenz nachgesagt. Manchmal hört man sogar, Border Collies seien die intelligentesten Hunde unter allen Rassehunden. Vermutlich beruhen die meisten dieser Aussagen auf einem Buch von Prof. Stanley Coren, einem Professor für Hundepsychologie an der University of British Columbia. Er veröffentlichte im Jahr 1995 “Die Intelligenz der Hunde”3 und erregte damit weltweit Aufsehen. Die häufigen Berichte über dieses Buch beruhen hauptsächlich auf der enthaltenen Liste. Hier listet Coren 138 Hunderassen nach ihrer Intelligenz auf, wobei der Border Collie den ersten Platz belegte.

Allerdings beruhte der Intelligenztest auf folgenden Kriterien: Wie viele Wiederholungen brauchen Hunde der Rasse, um etwas zu lernen? In wieviel Prozent der Fälle gehorchen Hunde dieser Rasse auf einen gelernten Befehl? Es handelt sich also um eine spezielle Art der Intelligenz, die besonders auf die enge Zusammenarbeit mit Menschen und das schnelle Bilden von Verknüpfungen abzielt.

Die Top Ten der intelligentesten Hunde (nach Coren):

  1. Border Collie
    2. Pudel
    3. Deutscher Schäferhund
    4. Golden Retriever
    5. Dobermann
    6. Sheltie (Shetland Sheepdog)
    7. Labrador Retriever
    8. Papillon
    9. Rottweiler
    10. Australian Cattle Dog

Die Schlusslichter bilden die Englische Bulldogge, der Basenji und auf dem letzten Platz der Afghanische Windhund.

Folgen der Intelligenz

Ein intelligenter Hund ist schnell und effektiv trainierbar. Er lernt Befehle schnell und kann sie gut umsetzen. Beim Border Collie kommt dazu aber auch noch eine gewisse Selbstständigkeit. Als Hütehund sollte und musste er auf sich alleine gestellt Entscheidungen treffen, beispielsweise wenn der Hund oder die Schafe beim Hüten außerhalb des Sichtbereiches des Schäfers waren.

In der Kombination dieser Eigenschaften ergibt sich ein Hund, der…

… sich Ungenauigkeiten oder Inkonsequenz des Menschen sehr schnell einprägt.

… seinen Menschen genau beobachtet und Diskrepanzen zwischen Sichtzeichen, Hörzeichen und Stimmung sofort erkennt, was zu Verunsicherung und “ungehorsamem” Verhalten führen kann.

… ständig lernt, auch wenn man das in manchen Situationen gerade gar nicht beabsichtigt.

… aufgrund weniger Wiederholungen bereits unerwünschte Verknüpfungen bilden kann (beispielsweise, dass sich das Ziehen an der Leine lohnt, weil der Mensch daraufhin dem Zug nachgegeben hat).

… schnell dazu neigt, zu lernen, wie man sich alleine “spaßig” (aus Hundesicht) beschäftigen kann, wenn der Mensch nicht ausreichend führt, trainiert und für Spaß mit dem Hund sorgt.

Welche Folgen das für das Training und die Erziehung haben kann und welche geeigneten Beschäftigungsmöglichkeiten sich aus der Intelligenz des Border Collies ergeben, lässt sich in den weiterführenden Artikeln nachlesen.

Hüteverhalten – Problemverhalten?

“Er ist ein Hütehund durch und durch”, schreibt der VDH in seiner Rassebeschreibung über den Border Collie. Dieses genetisch tief verankerte Hüteverhalten beim Border Collie kann leider auch zu Problemverhalten führen. Denn zu einem talentierten Hütehund gehören zwangsläufig viele Wesenseigenschaften, die im Alltag Probleme bereiten können.

  • Starke Reaktivität: Hütehunde müssen blitzschnell auf Signale des Schäfers und Bewegungen von Schafen reagieren können. Allerdings ist ein Border Collie dadurch auch im Alltag sehr reaktiv. Impulskontrolle müssen solche Hunde mühsam erlernen, während andere Rassen oft von Haus aus viel entspannter sind und eine viel längere Zündschnür haben.
  • Leichte Erregbarkeit und schlechtes “Zur-Ruhe-Kommen“: Ein Hütehund benötigt für seine Hütearbeit Aufmerksamkeit und eine hohe Sensibilität. Abschalten lassen sich diese Eigenschaften aber auch im Alltag nicht. Border Collies neigen dazu, sofort mental da zu sein, wenn jemand sich bewegt oder spricht. Das kann ohne entsprechendes Gegensteuern zu Dauerstress, Schlafmangel und nervösem Verhalten führen.
  • Der Border Collie kennt kein Ende: Training, Übungen oder Erziehung – der Border Collie ist immer mit Feuereifer dabei. Er selbst zeigt viel zu spät, wenn ihm etwas zu viel ist, und macht seinem Frauchen oder Herrchen zuliebe quasi bis zum Umfallen mit.
  • Reaktion auf Bewegungsreize: Hütehunde generell und im Speziellen die Border Collies reagieren stark auf Bewegungen. Deshalb gehört es zu typischen Verhaltensproblemen, dass Border Collies Autos, Jogger, Radfahrer oder Kinder “hüten”. Auch Jagdverhalten entsteht durch die Reaktion auf Bewegungsreize (siehe unten).
  • Tendenz zum Beißen: Der Border Collie wird oft als Hund bezeichnet, der die Schafe durch mentale Stärke und den typischen starren, drohenden Blick bewegt. Sind Schafe aber besonders renitent oder wehrhaft, muss sich auch ein Border Collie mit Hilfe seiner Zähne durchsetzen. Deshalb kann es beim Border Collie unter Umständen auch im Alltag zu Situationen kommen, in denen der Hund sich durch einen Biss durchsetzt.

Wie man bei diesen Faktoren gegensteuert und solches Verhalten verhindert, ist in unserem Artikel über Training und Erziehung des Border Collies nachzulesen.

Hat der Border Collie Jagdtrieb?

Hütehunden wird oft nachgesagt, sie hätten wenig bzw. einen einfach zu kontrollierenden Jagdtrieb. Im Vergleich zu Jagdhunderassen, die Gerüchen und Fährten exzessiv folgen, ist der Jagdtrieb der Hütehunde meist gut zu kontrollieren. Allerdings reagieren Border Collies stark und oft blitzschnell auf Bewegungen, sie jagen also auf Sicht. Und sie lernen durch ihre Intelligenz schlimmstenfalls gleich beim ersten Mal, wieviel Spaß Jagen macht.

Ein Wunder ist das nicht, denn Hüteverhalten wurde züchterisch aus dem Jagdverhalten geformt, indem bestimmte Sequenzen verstärkt wurden (belauern, umrunden), andere wiederum abgeschwächt wurden (Beute greifen und töten). Aber auf ein entschuldigendes “er möchte das Tier doch nur hüten” sollten sich Border-Collie-Halter nicht zurückziehen. Das Hetzen und Jagen von Wild ist nicht nur verboten und schädigt Wildtiere sowie deren Junge, es ist auch gefährlich für den Hund. Und kleinere Tiere wie Katzen, Hühner oder Kaninchen wurden auch von Border Collies schon getötet.

Was jedoch ein riesiger Vorteil ist: Der Border Collie (intelligentester aller Hunde!) lernt auch bei einem Anti-Jagd-Training sehr schnell, sodass umsichtig erzogene Border Collies sehr oft problemlos überall ohne Leine laufen können.

Der Border Collie als Familienbegleiter und Sporthund

Der Border Collie ist ein echter Spezialist und unterscheidet sich von allen anderen Hunderassen. Das Leben mit einem Border Collie ist immer eine kleine Gratwanderung zwischen Zuviel und Zuwenig. Action und Ruhe, Reaktivität und Impulskontrolle, Beschäftigung und Nichtstun – das alles muss fein dosiert und angepasst werden. Und man muss damit leben können, dass die Hunde keine genügsamen Alltagsbegleiter sind, die man überall mitnehmen kann.

Wer sich das zutraut und den Border Collie bewusst eine herausfordernde Beschäftigung bieten möchte, der findet in dieser Rasse einen treuen Begleiter. Beim richtigen Umgang mit einem Border Collie gehen diese eine wahnsinnig enge und vertraute Bindung mit ihren Menschen ein. Wer einmal erlebt hat, wie ein Border Collie – vor allem bei artgerechten Arten der Beschäftigung – fast schon die Gedanken seiner Besitzer lesen kann, der verfällt der Rasse oft völlig und kann sich keinen anderen Hund mehr vorstellen.

Quellen

  1. Club für Britische Hütehunde e.V.:Border Collie Rassestandard, FCI-Standard-Nr. 297 vom 16.03.12 (Link zur Webseite)
  2. Rassebeschreibung Border Collie (Link zur Webseite)
  3. Stanley Coren. The intelligence of dogs : a guide to the thoughts, emotions, and inner lives or our canine companions. New York: Bantam Books 1995. ISBN 0-553-37452-4.

Bildquellen

Illustrationen: Stefan Große Halbuer

Black and white border collie dog in autumn forest © Freepik/ilsoldatkin

Closeup shot of a panting border collie standing on a field © Freepik/wirestock

Border collie dog walking © Envato Elements/oleghz

Woman with border collie dog © Depositphotos.com/Judithdz